Baden Powell

Erschienen am 19. April 2020 in Geschichte

Sven Mühlen

Sven Mühlen

 

Gründer der Pfadfinderbewegung:

I. Jugendzeit; II. Soldatenzeit; III. Pfadfinderzeit; IV. Pfadfinder in Deutschland;

I. Jugendzeit:

Am 22.Februar 1857 in London als sechster Sohn von 10 Kindern geboren, erhielt er bei der Taufe den Namen Robert-Stephenson. Sein Vater war Theologieprofessor und starb, als B.P. zwei Jahre alt war. Der Taufpate war Robert-Stephenson, ein Sohn des Erfinders der Dampflokomotive. Seine Mutter, Henrietto Graves Smyth, hatte eine fröhliche Gemütsart und viel Unternehmungslust. Sie hatte recht sonderbare Ansichten über die Erziehung von Kindern und so gehörten regelmäßige Spaziergänge zum Unterricht, den sie im Hause mit einer Erzieherin durchführte. So pflegte sie die Kinder zu befragen, was sie gesehen und bemerkt hätten. Diese Schulung machte B.P. und seine Geschwister zu aufmerksamen Beobachtern. Zu den Wochenenden fuhr sie auch des öfteren mit den Kindern über Land. Dabei lernte B.P. das Zelten, Kochen, die Kaninchenjagd und das Beobachten der Natur.

Auch besaß er eine schauspielerische Begabung. So trug sich bei einer Fahrt folgende Episode zu:
Die Brüder hatten ein Segelboot gebaut. Bei der ersten Fahrt mit Übernachtung rettete B.P. die Ausrüstung vor einem Dieb. Die Brüder versorgten sich mit geangelter und gejagter Beute recht gut. Bei den Streifzügen ließen die Brüder den kleinen “Stephan” als Zeltwache zurück. Als er die Küchenarbeit fertig hatte, zeichnete er und setzte sich auf einen etwas entferntliegenden Baumstumpf. Plötzlich sah B.P. einen fremden Mann am Zelt, der die Rucksäcke stehlen wollte. Nun wandte er folgenden Trick an:
Zuerst rief er den Mann an, dann rief er nach seinem Onkel und nach seinem Hund. B.P. imitierte Onkel und Hund. Der Dieb ergriff die Flucht.

Mit 13 Jahren kam B.P. ins Internat Charterhouse, mitten in London. Dort war es üblich, daß die jungen Schüler Dienste für die älteren Schüler leisteten. Der Dienst reichte vom Wecken, Wasser holen, Kleidung in Ordnung halten, Ertragen von schlechter Laune usw. Während dieser Zeit wurde er “Bathing-Towell” (Badetuch) genannt.

Nach Beendigung der Schulzeit bewarb er sich am Balliol – College in Oxford. Er machte die Aufnahmeprüfung bei seinem Patenonkel und fiel durch. So blieb ihm nur noch die Offizierslaufbahn.

II. Soldatenzeit:

Am 11.September 1876 stand in der Zeitung folgende Notiz: “Robert Stephenson Smyth Baden Powell ist zum Second Leutnant bei den 13.Husaren bestellt worden.” Dieses Regiment war in Indien stationiert und so fuhr B.P. am 30.Oktober mit einem Truppentransporter von Portsmonth nach Indien. Die ersten Jahre waren sehr anstrengend, denn das Kommandieren – Exerzieren und der Umgang mit Untergebenen will gelernt sein. Er musste mit 120 Pfund Gehalt im Jahre auskommen, dies war jedoch nicht leicht, da die meisten Kameraden aus begüterten Familien stammten. Im Jahre 1878 fuhr B.P. zu einem Krankenurlaub nach Hause. Er hatte sich eine Fiebererkrankung zugezogen und war nierenkrank.
Da er schon aus der Jugendzeit schauspielerische Begabungen mitbrachte, fertigte er Skizzen für Kostüme und Bühneneinrichtungen, um damit seine Kameraden bei der Rückkehr nach Indien zu unterhalten. 1880 kehrte er nach Lucknow in Indien zurück und wurde zum Grenzwachdienst abkommandiert. Hier sammelte er Erfahrungen im Geländedienst und Spurenlesen. 1884 beendete das 13.Husarenregiment seinen Dienst in Indien und wurde nach Südafrika verlegt.
1885 kam er nochmals nach England. Zurück nach Afrika nimmt er 1888 an einen Feldzug in Zululand teil. Von 1889-1892 wird er zum Aufklärungsdienst in den Balkan geschickt. Dort widmet er sich auch der Naturforschung.
1895 kommt B.P. wieder nach Afrika und nimmt am Aschantifeldzug teil. In Swaziland bekommt er von Häuptling Dinizula als Erinnerung eine Lederschnur mit eigenartig geformten hölzernen Perlen. Die Nachahmung dieser Perlen trägt noch heute in der ganzen Welt ein Pfadfinder als Zeichen dafür, dass er eine besondere Ausbildung im Pfadfinderdienst durchgemacht hat.
Von 1896-97 nimmt er an einem Feldzug gegen die Matabele teil. 1899 wird B.P. wieder nach Südafrika geschickt und baut dort eine Spezialtruppe auf. Dabei wird er vom Burenkrieg überrascht. Die Engländer wurden auf vielen Kriegsschauplätzen geschlagen. B.P. bildete in Mafeking Rekruten aus, als der Burengeneral Cronje mit 9000 Mann anrückte, doch kapitulierten die Engländer nicht so ohne weiteres, wie er es sich vorgestellt hatte. So belagerten die Buren Mafeking und zogen eine Sperrkette um die Stadt. B.P. war als Späher bis zu den Buren vorgedrungen und sie achteten ihn sehr wegen dieser Fähigkeit.

So gelang es B.P. während der 217 tägigen Belagerung, 18 Briefe an seine Mutter zu schreiben, die alle durch die feindlichen Linien gelangen. Von Süden her anrückenden britischen Truppen gelang es, die Belagerung zu durchbrechen. Als Held von Mafeking wurde B.P. in England und in Südafrika gefeiert und wurde mit 43 Jahren in den Rang eines Generals erhoben. Noch im selben Jahr veröffentlichte er ein Hilfsbuch zur Pfadfinderei für Soldaten. Von 1902-1903 baute B.P. die berittene südafrikanische Polizei auf.
Im Jahre 1907 kommt es zum ersten Probelager mit 30 Jungen aus allen Volksschichten auf der Insel Brownsee an der Südküste Englands. Es wurde ein großer Erfolg. 1908 schreibt er das Handbuch “Scouting for Boys”. Die Pfadfinderbewegung bekam großen Zulauf. 1910 trat B.P. aus der Armee aus und widmete sich ganz der Pfadfinderbewegung, deren Leitung er übernahm.

III. Pfadfinderzeit:

Schon 1909 kam es zum 2.Lager in Hundshaugh/Nordthumbeerland. Die Entwicklung ging sehr schnell voran. So entstand die Sektion der Seepfadfinder. Sein älterer Bruder Warington schrieb dazu ein Handbuch. Im September bei einem weiteren Lager am Cystal-Palast marschierten 10 000 Pfadfinder an ihm vorbei. Er besuchte kurz danach 6 000 Pfadfinder in Glasgow. Bei einem weiteren Lager erklärten einige Mädchen, sie wären auch Pfadfinder. B.P. überredete seine Schwester Agnes eine eigene Organisation der Pfadfinderinnen zu gründen. B.P. besuchte einige Pfadfinder in Moskau. Es entwickelten sich Pfadfinderorganisationen in Deutschland, Schweden, Frankreich, Norwegen, Ungarn, Mexiko, Chile, Argentinien, Singapur, Indien und Amerika.

Am 4.Juli 1911 marschierten 30 000 Pfadfinder an König Georg V. vorbei. Dieser ließ sich einen Tag vorher von B.P. schriftlich über die Pfadfinder und ihre Abzeichen aufklären. Beeindruckt war der König, als er fast von den 30 000 überrannt wurde, aber bei einer nur den Pfadfindern bekannten Lilie stillstanden. 1912 machte B.P. eine Weltreise, um das Wachsen der Bewegung zu überwachen. An Bord der “Arcadiau” begegnet er Miss Olave St. Clair Soames, die er am 30.Oktober heiratete. Die Hochzeitsreise ging nach Nordafrika und Lady B.P. erwies sich bald als guter Fahrtgenosse. 1913 wurde der Sohn Peter geboren. 1915 die Tochter Erika und 1917 die Tochter Betty.

1915 wurde im Januar ein Programm in der Hauptquartiers-Zeitung veröffentlicht. Es wurde ein besonderer Gruß, ein eigenes Abzeichen, ein einfaches Pfadfinderversprechen und leichte Prüfungen für 9-12-jährige festgesetzt.

1916 erschien ein Handbuch für Wölflinge. Innerhalb eines Jahres gab es 10 000 Wölflinge.

Im 1.Weltkrieg wurden Pfadfinder in England zur Landesverteidigung eingesetzt. Sie leisteten z. B. Kurierdienste u.a. B.P. wurde nicht eingezogen, und es gab das Gerücht, er wäre ein Spion gewesen.

Portrait of Sir Robert Baden-Powell Painted by Benjamin EgglestonDie Bewegung verbreitete sich jedoch rapide, und seine Frau erwies sich als ein Organisationstalent. So wird B.P.’s Frau zur Leiterin aller Pfadfinderinnen gewählt. Das Ehepaar zieht auf Landgut “Pax Hill” Hampshire bei London.
Im Jahre 1919 wird die Roverbewegung ins Leben gerufen. 1920 fand das erste internationale Jamboree in der Olympiahalle in London statt. 22 Länder nahmen daran teil. Das Jamboree war kein Zeltlager wie wir es heute kennen, sondern ein Treffen mit Vorführungen und Ausstellungen. So fanden szenische, mimische Spiele, Chorgesänge, Gymnastik und Volksgesänge statt. Auch ein Theaterstück von B.P. wurde aufgeführt. “The Genesis of Scouting” B.P. erhielt den Titel: “Chief Scout of the World”. Dies war eine spontane Handlung aller Scouts. Diesen Titel erhielt nur B.P., und er wurde nie wieder verliehen.
Zum Schluss des Jamborees hielt B.P. folgende Rede: (Ausschnitte)

“Pfadfinderbrüder! Ihr müsst Elite sein. Unstimmigkeiten bestehen zwischen den Völkern der Welt. Das Jamboree hat uns aber gelehrt: Wo gegenseitige Achtung und Toleranz herrschen, da entsteht Achtung und Harmonie. Lasst uns hier fortgehen mit dem ungeteilten Willen, Kameradschaft zu fördern durch den weltweiten Geist der pfadfinderischen Brüderlichkeit. Mögen wir mithelfen am Wachstum des Wohlwollens unter den Menschen.”
Unmittelbar nach dem Jamboree wurde ein internationales Komitee und Büro gebildet.
1922 fand eine erste Weltzählung der Pfadfinder statt:

Ergebnis 1 019 205 Pfadfinder in 32 Ländern.

Grabstein Robert Baden-PowellDie Pfadfinderbewegung verbreitete sich sehr schnell in fast allen Ländern der Welt, so dass überall Verbände entstanden. B.P. war der Chef dieses Weltverbandes und konnte so die Entwicklung seiner eigenen Idee miterleben.

Zum 5.Weltjamboree 1937 im 81.Lebenjahr nahm B.P. von “seinen Jungen und Mädchen” Abschied. Er formulierte bewegte Abschiedsworte und schloss mit den Worten “Auf Wiedersehn”. “Gott segne euch alle”. Baden Powell starb am 8.Januar 1941 in Kenia. In diesem Lande ist er auch begraben, und ein schlichter Stein mit den Weltsymbolen der Pfadfinder und Pfadfinderinnen ziert sein Grab.

Die folgende Botschaft fand man unter BiPis Papieren:

An die Pfadfinder Liebe Pfadfinder!

Wenn Ihr je das Spiel gesehen habt “Peter Pan”, werdet ihr euch erinnern, dass der Seeräuberhauptmann seinen Abschiedsrede immer bereit hatte, aus Angst er könnte keine Zeit mehr dazu finden, wenn es ans Sterben ging. Genau so geht es mir, und deshalb will ich es in diesen Tagen so machen, obwohl ich noch nicht gerade am Sterben bin, und möchte euch ein Abschiedswort niederschreiben. Vergesst nicht, dass es das letzte sein wird, was ihr je von mir zu hören bekommt, und denkt darüber nach. Ich habe ein sehr glückliches Leben geführt und ich wünsche jedem von euch, euer Leben möge ebenso glücklich werden. Ich glaube, dass Gott uns in diese spaßige Welt hineingeschickt, um glücklich zu sein und das Leben zu genießen. Glück kommt aber nicht von Reichtum, noch Zufriedenheit vom Erfolg in der Karriere, noch von Zügellosigkeit. Ein Schritt auf dem Weg zum Glück ist der, sich in der Jugend gesund und hart zu erziehen, so dass man später lebenstauglich wird, und nur dann wird euch euer Leben Freude machen, wenn ihr einst Männer geworden seid. Beobachtung der Natur wird euch lehren, wie reich an Schönheit und Wundern Gott die Welt gemacht hat, dass ihr euch darüber freuen könnt. Seid zufrieden mit dem, was ihr besitzt und macht das Beste daraus. Schaut euch die Lichtseiten der Dinge an und nicht die dunklen. Aber der eigentliche Weg, glücklich zu werden, ist der, andere Menschen glücklich zu machen. Versucht es, und macht die Welt ein wenig besser, als ihr sie vorgefunden habt; und wen dann die Stunde kommt, in der ihr sterben sollt, könnt ihr glücklich sterben in dem Bewusstsein, dass ihr niemals eure Zeit verschwendet, sondern jederzeit euer Bestes gegeben habt. “Seid bereit”, auf diese Weise glücklich zu leben und zu sterben; haltet immer fest an euer Pfadfinderversprechen, auch wenn ihr aufgehört habt, Jung zu sein. Gott möge euch dazu helfen.
Euer Freund
Baden Powell of Gilwell

IV. Die Entwicklung der Pfadfinder in Deutschland:

Mit der Geschichte eines Buches beginnen auch die Wege der Pfadfinder in Deutschland, – des Pfadfinderbuches von Dr. Alexander Lion -, der genauso wie B.P. Offizier war.

Das Buch “Scouting for Boys” von B.P. erregte seine Aufmerksamkeit. Er kam zunächst mit B.P. in Briefverbindung und lernte ihn im September 1908 auch persönlich kennen. Er wollte gleich wie B.P. die internationalen Gegensätze überbrücken und die Jugend zu “Pfadfindern des Friedens” heranziehen. So übertrug er das Buch “Scouting for Boys” unter Mitarbeit von Maximilian Bayer, Prof. Dr. Ludwig Kenner und Heinrich Steinmetz ins Deutsche, allerdings mit einigen Änderungen, um es dem deutschen Wesen anzupassen.

Nach dem Erscheinen des Buches wurde nun versucht, bestehende Jugendverbände zur Übernahme der Pfadfinderbräuche zu bewegen, was sehr schwer war, aber bei den “Alt-Wandervögeln” gelang, da ein Mitglied bei der Bearbeitung des Buches mitgewirkt hatte.

In Berlin wurde 1909 der Verein für Jugendsport in Feld und Wald gegründet, der die Ideen von B.P. anzuwenden versuchte. Ein weiterer Mitarbeiter des Buches, Turnlehrer Steinmetz, gründete 1909 in Bamberg eine Pfadfindergruppe, die vielleicht die erste “echte” Pfadfindergruppe war. In München entstand der “Bayerische Wehrkraftverein”, der die pfadfinderische Methode anwandte.

1910 entstand die erste Gruppe deutscher Pfadfinderinnen in Hamburg. 1911 entstanden immer mehr Pfadfindergruppen, und so kam es schließlich zur Gründung des Deutschen Pfadfinderbundes mit Sitz in Berlin. Hauptmann Max Bayer war der erste Reichsfeldmeister. Interessant – von den ersten 48 Mitgliedern des Ehrenausschusses waren 27 im Generalsrang.

Im Jahre 1928 entstanden in Wuppertal und Beuthen/Oberschlesien katholische Pfadfindergruppen. Am 7.Oktober 1929 schlossen sich die kath. Gruppen zur DPSG “Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg” zusammen.

Mit der Machtübernahme 1933 durch Hitler kam die Pfadfinderschaft in Bedrängnis. Diese weltweite “Bruderschaft” passte nicht in Hitlers Vorstellung. Er wollte keine “Pfadfinder des Friedens” sondern eine Jugend “gewappnet gegen den Feind”.

Als 1933 deutsche Pfadfinder sich am Jamboree in Gödöllö/Ungarn beteiligen wollten, erhielten sie keine Ausreisegenehmigung. Es folgten Einschränkungen und Teilverbote. Die DPSG zählte 9 000 Mitglieder in 310 Stämmen. 1935 fuhren 200 Georgspfadfinder nach Rom. Bei ihrer Rückreise wurde ihnen an der Grenze Abzeichen, Kluft, Bücher, Andenken, ja sogar Zelte von der Gestapo abgenommen.

Im Februar wurde aufgrund eines Gesetzes zum Schutze von Volk und Staat die Pfadfinderbewegung verboten.

Von 1938-1945 arbeiteten viele Gruppen im Untergrund weiter. Fred Josef, Feldmeister aus Würzburg, stirbt im Januar 1943 im Konzentrationslager Auschwitz.
Gleich nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches lebt in Westdeutschland die Pfadfinderbewegung wieder auf.
Im Osten Deutschlands dulden nun die kommunistischen Machthaber weiterhin keine Pfadfinder.
1950 werden die drei verschiedenen Verbände zum “Ring deutscher Pfadfinderverbände” in die internationale Pfadfinderkonferenz aufgenommen.

1955 wird Dr. Paul König in das internationale Komitee gewählt.

1979 gab es in Westdeutschland etwa 100 000 Georgspfadfinder.

Wie die erste “Pfadfinder”- Truppe (Boy Scouts) entstand (aus: Das Pfadfinderbuch, nach General Baden Powells “Scouting for Boys” herausgegeben von Stabsarzt Dr. A. Lion):
Die Pfadfinder, die zuerst in England als Boy Scouts entstanden, hat keine augenblickliche Laune, keine müßige Phantasie geschaffen, ein Augenblick ernster, schwerer Gefahr hat sie ins Leben gerufen.

Es war im Jahre 1899, im Anfang des Burenkrieges, als Mafeking, im britischen Südafrika, von einem großen Burenheere eingeschlossen wurde. Mafeking war nur eine kleine, unbedeutende Landstadt, von der niemand gedacht hätte, dass sie je ein Feind angreifen könnte, geradeso wenig wie es Euch wahrscheinlich dünken mag, dass die Stadt oder das Dorf wo Ihr wohnt, einmal von einem Gegner angegriffen werden könnte.

Aber dies kann Euch schon ein Fingerzeig sein, dass man nicht nur darauf in Krieg und Frieden gerüstet sein muss, was wahrscheinlich dünkt, sondern auch auf das, was überhaupt möglich ist. Darum soll auch jeder deutsche Knabe stets bereit sein, so dem Vaterlande zu nützen, wie es die tapferen Jungens von Mafeking taten.

Generalleutnant Baden-Powell, damals Oberstleutnant, war Kommandant des Platzes. An ausgebildeten Mannschaften, Polizei nebst Freiwilligen unterstanden ihm im ganzen 700 Mann. Er bewaffnete daher noch die Bürger, etwas über 300 Mann. Einige von diesen waren als waffengeübte Grenzbewohner vollkommen der Gefahr des Augenblickes gewachsen; aber viele von ihnen, junge Kaufleute, Schreiber und andere, hatten niemals ein Gewehr zuvor in der Hand gehabt, und niemals sich die Mühe gemacht, exerzieren oder schießen zu lernen. Es muss doch ein zu peinliches Gefühl sein, sich einem Feind gegenüber zu sehen, der einem nach dem Leben trachtet, wenn man niemals eine Flinte abzudrücken gelernt hat! – So mussten insgesamt etwa 1000 Mann den Platz verteidigen, in dem sich 600 weiße Frauen und Kinder und gegen 7000 Eingeborene befanden und der etwa 8 km Umkreis hatte.

Da war jeder Mann wertvoll, und als das Häuflein durch Tote und Verwundete immer mehr zusammenschmolz, lasteten die Pflichten, tags zu fechten, nachts alarmbereit auf Wachposten zu stehen, desto schwerer auf dem Rest. Da rief auf Geheiß Baden-Powells Lord Edward Cecil, der älteste Stabsoffizier, die Knaben des Ortes zusammen und bildete aus ihnen ein Korps von Kadetten, kleidete sie in Uniformen und exerzierte sie ein; und so schuf er aus ihnen eine unternehmende und wertvolle Schar. Bis dahin hatten die Verteidiger eine große Anzahl von Mannschaften verwenden müssen, um Befehle und Meldungen zu überbringen, um Ausguck auf Posten zu halten, Ordonnanzdienste zu verrichten usw. Diese Aufgabe wurden nunmehr dem Knabenkorps übertragen, und die Mannschaften wurden hierdurch davon entlastet, so dass sie für die Feuerlinie frei wurden. Die Kadetten, unter ihrem “Feldwebel”, einem Jungen namens Goodyear, bewährten sich vorzüglich und verdienten sich redlich die Feldzugsdenkmünzen, mit denen sie nach Beendigung des Krieges geschmückt wurden. Viele von ihnen waren Radfahrer, und so konnte mit ihrer Hilfe auch ein Postdienst eingerichtet werden, durch den die Bewohner Briefe an ihre Freunde nach den verschiedenen Forts oder innerhalb des eigenen senden konnten, ohne dass sie sich selbst dem feindlichen Feuer auszusetzen brauchten. Eigene Briefmarken wurden dafür hergestellt. Diese stellten das Bild eines radelnden jungen Boten dar; darüber standen die Namenszeichen der Königin und ein Streifen mit der Inschrift: “Belagerung von Mafeking”. Diese Briefmarken sind später sehr selten und so wertvoll geworden, dass die Sammler ihrer kaum noch habhaft werden können!

Baden-Powell traf einmal einen solchen Jungen, als er im heftigen Feuer in das Fort einfuhr, und rief ihm warnend zu: “Dich wird doch nächstens eine Kugel treffen, wenn Du gerade mittendurch fährst.” Er aber antwortete: “Ich trete so schnell, Herr Oberst, dass sie mich doch nicht einholen.” Diese Jungens scheuten sich nicht im geringsten vor den Kugeln; stets waren sie bereit, Befehle zu überbringe, obgleich sie dadurch jederzeit ihr Leben aufs Spiel setzten. So entstanden die Boy Scouts.

Aber Du brauchst nicht erst auf den Krieg zu warten, um Dich nützlich als Pfadfinder zu betätigen. Auch im Frieden, in dem wir noch recht lange zu leben wünschen, gibt es genug Arbeit für Dich, Tag für Tag, und überall wo Du bist.

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